Wenn Extra-Kilos Gold wert sind. Unsere Olympia Learnings.

Lesezeit: 5 min | Autorin: Silvia

«Hast du zugenommen?» Outch….diese Frage schmerzt. Die wenigsten von uns würden diese Frage voller Stolz bejahen. Nicht so Lindsey Vonn: Die «Speed Queen», deren Olympia-Traum zwar nach nur 13 Fahrsekunden unfallbedingt platzte (SRF), legte ganz bewusst Gewicht für Olympia zu. Und sie sprach offen über die Strategie dahinter.

Zunehmen. Schwieriges Thema für uns Frauen. Einerseits, weil wir die Gewichtszunahme fälschlicherweise automatisch mit Fettzunahme assoziieren, andererseits, weil aktuell leider wieder Trends wie Skinnytok und Size XS die Sozialen Medien fluten. Nehmen wir Frauen statt Fett aber Muskeln zu (Spoiler: das ist was Gutes!), haben wir wiederum Angst davor, bulky und männlich auszusehen. Hier braucht es einen Perspektivenwechsel.

Zusätzliches Gewicht: Dein Freund statt Feind. 

Jetzt, da wir die Olympischen Winterspiele zu Ende gegangen sind, fiel mir auf: Die weiblichen Athletinnen sprachen offener über ihre körperlichen Challenges vor und während der Spiele als in früheren Ausgaben. Lindsey Vonn war eine davon. Leider konnte sie ihr Ziel – Gold bei Olympia – nicht verwirklichen, da sie schwer stürzte. Ihr Unfall hätte wohl noch gravierender ausgehen können, wäre sie nicht im wahrsten Sinne des Wortes so stark…aber auf den Zusammenhang von Muskeln und Unfallprävention kommen wir später zu sprechen.   

Zurück zu den Kilos: Vor Beginn der Olympischen Winterspiele verriet Vonn, dass sie für die Rennen in Norditalien 5,5 Kilogramm an Masse zugelegt hat. Freiwillig. Bewusst. Extra. 

Warum? Wer Ski oder Snowboard fährt, ahnt es vielleicht. Die Kraft, die uns den Berg runterzieht, ist Gravitation, also die Schwerkraft: «Je schwerer ich bin, desto schneller bin ich» (20 Minuten), erklärt Lindsey Vonn. Klar ist: Das zugelegte Gewicht ist keine Fett-, sondern Muskelmasse. Während reines Fett träger macht, stärken zusätzliche Muskelkilos den Körper. Sieht Vonn wegen der Muskeln nun bulky oder männlich aus? Mitnichten! 

Ihrer Vorbildfunktion bewusst, erläutert die achtfache Weltmeisterin, dass sie der Ansicht ist, dass man «stolz auf seinen Körper sein» muss und darauf, was er für uns leisten kann.  

Apropos Körperleistung: Die italienische Biathlon-Ikone Dorothea Wierer verriet nach der verpassten Medaille, dass sie sich während des Einzel-Rennens «…nicht schlecht, aber […] schlapp» gefühlt hat. Der Grund hierfür lag nicht im durchzechten Après-Ski, sondern im Zyklus

Hast du deine Tage? 

Wierer hatte ihre Periode (Bild.de). Wer jetzt mit den Augen rollt und meint, dass dies eine Ausrede für eine nicht erbrachte Leistung sei, dem oder der sei gesagt: NEIN!  

Langlauf ist körperlich und mental anspruchsvoll. Kommen da noch die Regelschmerzen in Form von Krämpfen oder Kopfweh dazu – grazie mille! Wierer spricht uns Frauen aus dem Herzen, wenn sie sagt:  

«Leider ist das für uns Frauen einmal im Monat so, dass man einfach leiden muss». 

Ich will mich keinesfalls mit der Profi-Langläuferin vergleichen, aber ich habe erst diesen Winter beim Langlaufen eine krasse Erfahrung gemacht: Meine Unterleibsschmerzen kurz vor Beginn der Periode wurden mit einmal so stark, dass ich mitten auf der Loipe anhalten, meinen Kopf tief in die beiden Skistöcke versenken und während Minuten tief ein- und ausatmen musste. Am liebsten hätte ich mich in den kühlenden Schnee gelegt, so schlecht war mir plötzlich.  

Nicht vorzustellen, was Profiathletinnen aushalten müssen, die bei der Ausübung ihres Berufs nicht einfach den Kopf in die Skistöcke stecken können, sondern funktionieren sollten – unter Beobachtung von Trainern, Fans und der Weltöffentlichkeit.  

Ich für meinen Teil feiere beide Damen: Sie stellen sich selbstbewusst hin und sprechen über ihre Körper und seine Funktionen im Spitzensport und im Leben. Ein Körper, der sich ganz langsam ganz leicht zu verändern beginnt. Wierer ist 35jährig und Vonn 41 Jahre alt, ich liege mit meinen 37 Jahren dazwischen und kann sehr gut nachvollziehen (auch ohne Profisportlerin zu sein), was es heisst, den Zyklus zu spüren, erste Veränderungen des Körpers wahrzunehmen oder in der vermeintlichen Ambivalenz zwischen Muskel-Wow und Muskelschreck festzustecken. 

Wobei…..nein, eigentlich nicht. Denn während sich in unserem Körper mit der Zeit vieles verändert, bleibt eines gleich:  

Muskeln schützen unseren Körper.  

Leider wissen das noch immer viele Menschen nicht. Oder wollen es nicht wissen. Vielleicht, weil der Aufbau von Muskeln für die allermeisten von uns mit «Arbeit», also mit Bewegung, genauer mit regelmässigem und gezielten Krafttraining, verbunden ist.  

Lindsey Vonns Unfall an den Olympischen Spielen war tragisch. Nicht nur, weil sie mit einem Kreuzbandriss bereits angeschlagen in die Rennen ging, sondern weil sie sich ihren Traum vom perfekten Comeback nicht erfüllen konnte. Auch die unfallbedingten Operationen sind nicht schönzureden.

Aber: Zum Berufsrisiko von Profisportlern gehört der Sportunfall leider dazu. Umso wichtiger ist es, vorgängig Muskeln aufzubauen. Denn Muskeln stabilisieren Gelenke, federn Stösse ab und verhindern Fehlbelastungen. Dass Muskeln sogar vor Sportverletzungen schützen können, belegt die Metastudie von Lauersen et al.: In ihrer Metastudie verglichen sie 25 Studien, in denen insgesamt 26’610 Personen mit 3464 verschiedenen Unfallbildern analysiert wurden. Die Resultate sind hoch signifikant und belegen: «Krafttraining reduzierte Sportverletzungen auf weniger als 1/3, Verletzungen durch Überbeanspruchung wurden fast halbiert» (S. 1).  

Wer schon verletzt ist denkt vielleicht: Was soll ich jetzt mit dieser Info?! Aber auch hier gilt: Muskeln schützen unseren Körper. Ohne Muskeln wäre der Unfall vielleicht noch viel gravierender ausgefallen. Unser Muskelskelett sorgt erst dafür, dass wir uns überhaupt bewegen können. Sind diese Muskeln dann noch stark, können sie unser Knochenskelett wie eine Art Airbag schützen.  

Hast du sie noch alle?!

Ich meine natürlich deine Muskeln. Hast du dich ihnen schon mal gewidmet? Weisst du überhaupt, was sie leisten können? Wie lebenswichtig sie für dich sind? Und dass es neben der effektiven körperlichen Gesundheit auch viel schöner aussieht, wenn du einen starken Körper hast? Lindsey Vonn fand für ihre «extra-Kilos» in Form von mehr Muskelmasse die passenden Worte:  

«Ein knackiger Po kommt nie aus der Mode».  

Ein starker Körper mit starken Muskeln auch nicht. 

Du warst diese Woche noch nicht beim Sport? Ab ins Gym! 😉 

Eure Silvia 

Quellen:

  • Lauersen, J., Bertelsen, D. & Andersen, L.: The effectiveness of exercise interventions to prevent sport injuries: a systematic review and meta-analysis of randomized controlled trials. In: Lauersen, JB, et al.: Br J Sports Med. (2014)